RTFM

In Grossbuchstaben! – Nach Internet-Schreibweise gilt das also als sehr laut gesagt, wenn nicht geschrien. Es muss also etwas dringendes sein. Man könnte auch „R.T.F.M.“ schreiben. Aber das obige Akronym hat sich in den Chats und Foren längst durchgesetzt. Ohne Punkte ist es halt kürzer. Heute hat ja keiner mehr Zeit zum Lesen.

Ganz ausgeschrieben klingt es etwas weniger vornehm: „Read The Fucking Manual!“ – „Lies das verdammte Handbuch!“ – Für einige meiner Berufskollegen (Ich bin Informatiker, wenn ich nicht grad modellbaue oder fliege) gehört dieser Stossseufzer zum täglichen Sprachgebrauch. Ahnungslos und unvorbereitet klicken sich die Benutzer durch die Programme. Und wenn die Karre dann tief im Dreck steht, rufen sie den Helpdesk an. Dabei steht doch alles in der Hilfe oder im fein säuberlich redigierten Handbuch. Und ihre faulen Ausreden geben dir dann den Rest. RTFM!

Die Modellpiloten sind keinen Deut besser, zumindest ich nicht. Wenn man einen Bausatz gesehen hat, dann kennt man alle. Man weiss wie so was geht. Mein Standardprozedere beim Öffnen einer neuen Schaumwaffel-Schachtel ist dies: Bauanleitung rausfummeln, kurz darin den Schwerpunkt nachschauen, Bauanleitung im Hängeregister alphabetisch unter dem richtigen Modellnamen ablegen, fertig. Dort bleibt das Papier bis zum Ableben des Modells meist unberührt. Dann wird es pflichtbewusst im Altpapier entsorgt, damit man es recyceln und neue wichtige Bau- und Fluganleitungen drucken kann.

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Nun gab es auch bei mir schon einschlägige Vorkommnisse, welche zu einer Änderung dieser Praxis mahnen:

Episode 1: Der vergeigte Schwerpunkt

Es ist erst ein paar Wochen her, da stand ich mit Schweissperlen auf der Stirn im Bastelkeller. Auf diesem Blog wurde darüber schon berichtet: FunGlider – Le roi est mort, vive le roi!. Bei einer Standortbestimmung betreffend Schwerpunkt meiner neuen Multiplex FunGlider traute ich den Augen kaum. Alles war dort eingebaut, wo es nach bestem Wissen und Gewissen hingehört. Aber das Ding liess die Nase sowas von hängen. Ein bisschen den Akku vor oder zurück zu schieben, wie ich es sonst bei meinen Schaumwaffeln zum Schwerpunkt-Tuning immer tue, reichte bei weitem nicht mehr. Irgend etwas musste da schief gelaufen sein.

Dass dem Bausatz einige Ballast-Kügelchen beilagen, war mir nicht entgangen. Ich hatte mir aber nur kurz überlegt, wo in der Nase ich sie hinpacken könnte, so ich sie denn brauchen würde. Ich legte sie aber gleich in die Ersatzteilkiste, da flugfertige Modelle bekanntlich bereits ausbalanciert aus der Schachtel kommen.

Also galt es den Fehler im Modell zu finden. Ich selber hatte ja nur Empfänger und Akku beigesteuert. Schuld mussten also die Multiplex-Leute sein. Aber was hatten sie falsch gemacht? Der Motor muss ganz vorne sein, da gibt’s nichts dran zu rütteln. Den Regler kann man auch nur maximal eine Kabellänge hinter den Motor platzieren. Dann hätten wohl die Seiten- und Höhenruderservos weiter nach hinten gehört. Oder das Heck ist zu kurz. Aber einen solchen Konstruktionsfehler würde uns ein Hersteller mit dieser Reputation nie andrehen wollen. In meiner Verzweiflung greife ich zum Hängeregister und lese nach:

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Aha!- Jetzt weiss ich auch wofür die seltsamen Löcher in der Finne gut sind. RTFM!

Ich kenne aber einen der sich auskennt, und der hat gesagt, dass Ballast weit hinten im Heck schlecht sei wegen den Hebelwirkungen beim Landen. Nur deswegen bin ich nicht selber drauf gekommen.

Episode 2: Der unauschaltbare Positionsalarm

Die Leser des Blog-Beitrags FunGlider – Erstflug wissen es bereits. Der Regler meiner Sky Climber hat ab Werk einen vorkonfigurierten Positionsalarm. Nach zweieinhalb Minuten Betrieb ohne Gas geht eine Sirene los. Die soll das Finden des Modells im hohen Gras oder in den Bäumen erleichtern. Oder den schusseligen Piloten daran erinnern, dass er vergessen hat den Akku abzuziehen. Zudem nimmt der Regler in diesem Zustand aus Sicherheitsgründen kein Gas mehr an. Dass dieser Alarm überhaupt existiert, war mir nicht bewusst. Vor Jahren hatte die Nervensäge mal zu heulen begonnen. Weshalb und wozu war mir damals wurst, da nach einmaligem Aus- und Einschalten alles wieder normal lief.

Geheult hatte es seither nie mehr, bis zu meinem Hangflug-Experiment an jenem Freitag. Nach einer längeren Segel-Phase ging der Alarm los, und der Motor liess sich nicht mehr einschalten. Ohne Antrieb, dafür mit ordentlich Nerven-Flattern, musste ich unter miserablen Bedingungen notlanden.

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Hätte ich vorher das Handbuch gelesen, hätte ich es gewusst: Mit einmal Vollgas geben wäre der Regler wieder in den Normalmodus gegangen. – RTFM!

Natürlich habe ich die Anleitung gelesen, aber daaasss habe ich nicht gesehen. Es war wohl nicht deutlich genug oder im falschen Kapitel.

Episode 3: Noch ein vergeigter Schwerpunkt

Du erinnerst dich: „Kurz den Schwerpunkt nachschauen und dann ab ins Archiv.“ – So geschehen vor einiger Zeit bei meiner Hurricane. Leider hatte sich der amerikanische Hersteller im deutschen Manual entweder vertippt oder bei der Umrechnung von Inches in Millimeter vertan. Die Angabe lag ein gutes Stück daneben. So loszufliegen hätte mir ordentlich den Tag versaut.

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Du erinnerst dich aber auch: „Man weiss wie so was geht.“ – Ich wurde schon beim Abmessen stutzig. Das sah einfach nicht richtig aus. Nochmal nachgeschaut, nochmal gemessen. Keine Veränderung. An mir lags nicht. Der Balanceakt auf den Fingerspitzen ergab nicht im Entferntesten ein glaubwürdiges Gleichgewicht. Ich ging online um in den Foren nach Lösungen oder Leidensgenossen zu suchen. Vorher durchforstete ich das Manual nochmal nach Hinweisen auf Ballast. Diesmal aber in einer englischen PDF-Version aus dem Web. So lässt sich besser suchen. Über Ballast stand da zwar nichts drin. Dafür fand ich ein anderes Mass für den Schwerpunkt. In diesem konkreten Fall stand  die Korrektur auch in der Service-Datenbank von Horizon-Hobby. Das richtige Mass wäre 64 bis 76mm gewesen. Das Manual lag also durchschnittlich 22 mm hecklastig und damit im unfliegbaren Bereich. Das wäre der Absturz gewesen. Der Erstflug gab den korrigierten Zahlen recht.  RTFM, aber bitte die aktuelle Version und wenn möglich in der Original-Sprache!

Warum soll man das Zeug überhaupt lesen, wenn man ihm nicht trauen kann? Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner.

Digitalisierung

Und damit sind wir bei der Moral dieser Geschichte: Die Manuals sind wichtig. Interessant genug um sie von vorne bis hinten zu lesen, sind sie allerdings selten. Reine Nachschlagewerke sind sie aber auch nicht. Überfliegen oder auf gut Neudeutsch skimmen sollte man sie schon. Im Zeitalter der Digitalisierung sind die mitgelieferten Papierversionen aber stets potentielle Altlasten. Überklebte Textpassagen und Einlageblätter mit Korrekturen in den gedruckten Anleitungen habe ich schon lange keine mehr gesehen. Fehlerbehebung über die Vertriebskanäle findet heute kaum mehr statt.

Deshalb google ich mir immer die aktuellsten Versionen der Manuals und arbeite mit diesen. Ich kopiere sie mir auch irgendwo in eine meiner Clouds. Es könnte ja sein, dass sie irgendwann im Internet nicht mehr zu finden sind. Trotzdem suche ich jedes Mal wieder die aktuellste Version bevor ich irgend etwas nachlese.

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Ein Gedanke zu “RTFM

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