FunGlider – Erstflug

Plan A

Wo liesse sich besser erstfliegen, als auf meinem flachen, geschützten und windstillen Plätzchen in den Rothrister Aareauen. Der Wetterbericht verspricht für diesen Freitagvormittag, zwischen dem Regen der Nacht und den herannahenden Sturmausläufern ein Erstflugfenster von ca. 3 Stunden. Also los! Leider sehe ich schon vom Auto aus, dass die Weide neben der Piste dicht bevölkert ist von grasenden Rindviechern. Da flieg ich nicht, Erstflüge schon gar nicht.

Plan B

Zum Glück habe ich noch Zugang zu einem zweiten Platz, welcher dem MSV Froburg gehört. Der dient allerdings dem Hangflug und liegt im Jura über Olten. Eigentlich hätte das heute schlank vonstattengehen sollen. Ich mache dennoch einen Abstecher nach Hause um die „Gebirgsausrüstung“ zu holen. Nach 20-minütiger Fahrt bin ich oben, und die Jurahöhen liegen beschaulich vor mir.

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Der Blick nach hinten verheisst aber nicht viel Gutes. Das Tief Xavier, welches zur Zeit in Nordeutschland für Chaos und Verwüstung sorgt, schaut wohl etwas früher als erwartet bei uns vorbei. Es pustet kräftig in den Windsack. Ich bemühe mich das positiv zu sehen: Zum ersten Mal erlebe ich hier oben ordentlich Wind aus der fast richtigen Richtung.

Irgendwie typisch für die diesjährige Hangflugsaison: Mit der Alula in den Sanddünen auf Sardinien? – Sturm! – Testflüge auf dem Rothrister Platz? – Regen und Sturm! – Segelweekend auf der Grossen Scheidegg? – Nebel und Sturm! – Und jetzt auch auf der Froburg. Aber diesmal bleiben meine Flieger nicht am Boden. Wäre das hier ein Spielfilm, dann würde die Stimme aus dem Off jetzt erklären, dass sich der Held entschieden habe, ab heute nicht mehr wegzulaufen, sondern sich der Gefahr zu stellen. Bei schönem Wetter fliegen kann jeder. Wie geht die alte Bauernregel? – „Wenn das Flugwetter nicht zum Piloten kommt, dann fliegt der Pilot halt ohne Wetter.“

Die Sky Climber als Versuchskaninchen

Ob solche Verhältnisse mit Schaumwaffel-Seglern noch fliegbar sind, prüfe ich mit der bewährten Sky Climber. Ein beherzter Wurf ohne Motor in den Wind. Das alte Schlachtross zeigt ungeahnte Qualitäten. Mein Mut wird mit dem besten Hangflug der Saison belohnt. Der tiefe, V-lose Flügel scheint genau das richtige zu sein für dieses Wetter. Die Winglets hingegen stören eher. Sie verursachen bei starkem Seitenwind unangenehme Pfannenwender-Effekte.

Etwas übervorsichtig helfe ich anfänglich immer wieder mit dem Motor nach, komme aber je länger je mehr ins reine Segeln. Runterkommen will der 2-Meter-Vogel nicht mehr. Ich traue mich immer weiter raus. Dann geht plötzlich ein akustischer Alarm los, obwohl der 3s-Lipo gemäss Telemetrie noch 11.6 Volt liefert. Es ist der Regler der Sky Climber. Ich habe seiner Meinung nach zu lange kein Gas gegeben. Er glaubt jetzt, das Modell liege irgendwo im hohen Gras und müsse auf sich aufmerksam machen. So lange gesegelt bin ich damit halt noch nie. Auf der Pendenzenliste wird notiert: Regler umkonfigurieren.

Übel ist, dass der Regler im Alarm-Modus kein Gas mehr annimmt. Man muss ihn zuerst ausschalten und neu einschalten. (Nachtrag 07.10.2017: Das zumindest dachte ich, da mein verzweifeltes Gasgeben keine Wirkung zeigte. Gemäss Manual hätte aber einmal richtig Vollgas geben den Regler wieder in den Normalmodus gebracht. Hab’s ausprobiert. Stimmt.) Im Flug!? Also landen ohne Antrieb, dafür mit heulender Sirene. Die Nerven flattern mit dem Windsack um die Wette. Erprobte Landehilfen habe ich in der Sky Climber keine. Ich muss sie also zu Boden fliegen. Das gelingt auch ganz ordentlich. Eine Notbremse vor dem Weidezaun führt trotzdem zu einem Kopfstand und ein paar Dreckklumpen am Spinner. Schäden scheint es keine gegeben zu haben.

Der Erstflug der FunGlider

Und jetzt zur FunGlider. Es gibt wohl nicht viele Modelle, mit denen ich unter diesen Bedingungen einen Erstflug wagen würde. Aber es ist ein Multiplex-Modell mit allen Einstellungen gemäss Anleitung. Die Flugeigenschaften werden allgemein als gutmütig beschrieben. Alles ist doppelt und dreifach gecheckt. Am Flieger wird es nicht scheitern. Und falls doch etwas schief läuft bin ich hier weit ab von der Zivilisation. Es würde nur meinen Geldbeutel treffen.

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Wie gehabt: Ohne Motor in den Wind. Ganz so grandios wie bei der Sky Climber gelingt die Ouvertüre aber nicht. Die FunGlider macht zwar gut Höhe, aber keine Weite. Im Gegenteil, sie droht hinter mir ins Lee zu fallen. Es zeigt sich schnell, dass sie nur mit Gas gegen den Wind ankommt. Zwischen den Böenspitzen hilft auch kräftiges Drücken. Der Flug ist aber sehr unruhig. Ich bin ständig um alle Achsen am Rudern. Es ist aber nur ein Kampf gegen die Böen. Eventuell würde ich beim nächsten Mal in diesem Wetter den Schwerpunkt für mehr Stabilität etwas nach vorne nehmen. Die Steuereinstellungen des Modells scheinen hingegen richtig zu sein. Auszutrimmen gibt es kaum etwas. Auch der befürchtete hängende rechte Flügel (siehe FunGlider – Le roi est mort, vive le roi!) zeigt sich nicht.

Über die mit viel Arbeit und Ärger aufgebrachten grossen roten Farbflächen auf den Flügeloberseiten bin ich jetzt schon froh. Mehr als einmal wird die FunGlider dermassen verpustet, dass ich nicht mehr weiss wo oben und unten ist.

Obwohl der Lipo-Warner noch schweigt, drehe ich nach ca. 10 Minuten zur Landung ein. Die Akkuladung ist noch nicht im roten Bereich, die Pulsfrequenz des Piloten schon. Ich versuche es quer zum Hang, leicht abwärts, mit 45 Grad gegen den Wind. Zwar hätte ich einen Landing Mode auf meinen Flugmodus-Schalter programmiert. Dieser würde die Querruder hochstellen und als Spoiler nutzen. Mir ist aber grad nicht mehr nach aerodynamischen Experimenten. Ich bleibe im Cruise Mode. An den habe ich mich jetzt gewöhnt. Es endet leider wieder hart auf der Nase. Dabei fallen die Flügel ab. Der Alu-Holm des rechten Flügels verbiegt sich dabei an der Wurzel leicht. Ansonsten bleibt alles senkrecht. Unter den gegebenen Umständen bin ich zufrieden.

Fazit

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle etwas Gescheites über die Flugeigenschaften der FunGlider von mir geben. Ich kann aber nur bestätigen, dass sie auch unter haarigen Verhältnissen fliegen und einigermassen heil zurückkommen kann. Etwas mit mehr Tiefgang folgt nach weiteren Flugversuchen auf diesem Blog.

Erstflug hin oder her. Das heute war ein unerwartetes aber erstklassiges Hangflug-Event. Insgesamt 30 Minuten in der Luft waren aber genug. So spektakulär braucht es nicht immer zu sein. In Ruhe seine Kurven zu drehen hat auch seinen Reiz. Leider gibt es keine Flugaufnahmen von diesem denkwürdigen Tag. Ich war da oben alleine und hatte alle Hände voll zu tun.

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