Ja ja, die Jugend von heute!

Im Sommer 2015 entspann sich folgender Dialog: Vater: „Wie war’s?“ – Sohn: „Hm!“ – Vater: „Das Essen?“ – Sohn: „Super!“ – Vater: „Gehst Du wieder?“ – Sohn: „Jou!“ – Danach herrschte Stille für die nächsten zwei Stunden. Der Sohn schlief. Der Vater grübelte.

Begeben hat sich dies in einem Passat-Kombi auf der gebührenpflichtigen Privatstrasse vom Hahnenmoos hinunter nach Adelboden, unmittelbar nach der Abfahrt auf der Passhöhe.

Die Relevanz dieser Geschichte für Flying Tom’s Blog ergibt sich aus der Tatsache, dass der Sohn hier besser bekannt ist als „Der Chefpilot“ und dass er die Woche im Alpinen Modellfluglager verbracht hatte.

Einigen Lesern mag der obige Dialog etwas dünn erscheinen, vielleicht sogar lakonisch. Die volle Bedeutung des Gesprächs und die Tiefe seiner Inhalte wird sich aber all jenen bereits erschlossen haben, welche aus beruflichen oder familiären Gründen regelmässig Teenagern ausgesetzt sind. Für die anderen versuche ich es zu erklären.

§1  Die Natur hat es leider so eingerichtet, dass ein Teenager tot umfallen würde, wenn er einem Inhaber der elterlichen Gewalt recht geben müsste.

Da ich das Spasspotenzial des Alpinen Modellfluglagers und das Engagement der ehrenamtlichen Organisatoren schon im Vorfeld ausgiebig gelobt hatte, war ein positiv-neutrales „Hm!“ auf die Frage „Wie war’s?“ schon hart an der Grenze des Totumfallens. In der Sprache von uns Grufties hiesse das in etwa: „Es war Super. Ich hatte riesigen Spass. Endlich konnte ich mich mal mit Gleichaltrigen am Flughang austoben. So ein Fluggelände direkt vor der Haustüre ohne das Logistik-Theater macht Laune. Und gelernt habe ich von den Lagerleitern auch noch was.“

Ich hatte zum Lagerbeginn die Gelegenheit, die Räumlichkeiten und insbesondere die sanitären Installationen der Unterkunft persönlich zu begutachten: Sauber, ordentlich, aber rustikal und schon etwas älter. So hätte nach meiner Beurteilung der verwöhnten heutigen Jugend im Nachgang ordentlich Aufhebens darum gemacht werden müssen. Aber nichts dergleichen. Offensichtlich geht es auch ohne all die Annehmlichkeiten der heimischen Residenz. (Wie es allerdings dazu kam, dass das Dusch-Handtuch nach dem Lager immer noch die mütterliche Originalfaltung aufwies, soll hier nicht weiter ergründet werden.)

Weiteres Ungemach war aus der Lagerordnung zu erwarten, da ja die Jugend von heute bekanntlich keine Regeln akzeptiert und keine Disziplin hält. – Um welche Uhrzeit darf man mit welchen Modellen wo fliegen? – Wie verhalte ich mich bei viel Verkehr in der Luft? – Wie und wo sind die Lipos zu laden? – Wann ist Nachtruhe? – etc. Aber Fehlanzeige. Zumindest kam mir nichts zu Ohren, was disziplinarische Konsequenzen erfordert hätte oder mit der Haftpflicht- oder Rechtsschutzversicherung zu besprechen gewesen wäre. Den Schiedsrichtern ist die Gratwanderung zwischen Pfeifen und Laufenlassen offensichtlich gut gelungen. Rote Karten gab es keine. (Über die Luftkampfspuren an meiner ausgeliehenen Ka-8 schweigt des Sängers Höflichkeit.)

Und was hat es jetzt mit diesem „Das Essen? – Super!“ auf sich?

§2  Der gemeine Teenager ist durchaus der Verwendung komplexer Sprachkonstrukte mächtig. Kommt es allerdings zu einem Frage/Antwort-Szenario, bei welchem am fragenden Ende des Kommunikationskanals eine erziehungsberechtigte Person sitzt, reduziert sich die Bandbreite automatisch auf Einsilbigkeit. Dabei sind klassische aussagekräftge Ausdrücke wie „Ja“ und „Nein verpönt. Das zulässige Repertoire enthält nur noch „Hmm“, „Huh“, „Öhh“, „Pff“, „Tja“, „Jou“, „Jep“, „Nö“. Die Aufzählung ist abschliessend.

Das „Super“ besteht aus zwei Silben, kann also kaum hoch genug gewertet werden. Mein Anfangsverdacht, dass die gute Note durch eine Woche Döner, Burger und Pommes erkauft worden sei, bestätigte sich nicht. Auch das mit dem einwöchigen Hungerstreik war eine unbegründete Befürchtung. Abwechslungsreiche Kost sei aufgetragen worden, wobei schon das Gulasch und das Schoko-Mousse des ersten Abends überschwänglich gelobt wurden. Dies natürlich nicht auf Anfrage, sondern erst später spontan in Nebensätze verpackt. Die Gastrokritiker sollten also gelegentlich auf dem Hahnenmoos vorbeischauen und noch ein paar Kronen, Mützen oder Sterne auf das Türschild malen.

§3  Einvernehmliche Gespräche mit mehr als neunzehn Jahre älteren Personen gelten für Teenager als Kollaboration mit dem Feind. Sie sind sofort zu beenden.

Das „Jou“ kann in seiner Bedeutung also streuen von „Ja, ich möchte nächstes Jahr wieder teilnehmen!“ bis „Du möchtest jetzt ein Ja hören, also sage ich so etwas ähnliches, damit ich meine Ruhe habe.“

Den wahren Gehalt aus solchen Aussagen herauszudestillieren benötigt Zeit und Erfahrung. Über das letzte Jahr habe ich viele Nebensätze gesammelt, welche sich nach und nach zu einem sehr positiven Bild des Lagers 2015 zusammenfügten. Und jetzt, zwei Monate vor dem Lager 2016, kann ich bereits Vorbereitungsgedanken und sogar -aktivitäten für die erneute Teilnahme erkennen. Also doch! Das ist der Ritterschlag für das Alpine.

Deshalb möchte ich den Organisatoren und Sponsoren für ihre Beiträge zum Lager herzlich danken. Danken für die Freizeit, welche in solche Jugendarbeit investiert wird oder für Geld und Modellflugzubehör, mit welchem den Jungen das Fussfassen in unserem nicht ganz billigen Hobby ermöglicht wird.

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